Lernen fördern und gestalten

Neben der wertschöpfenden Führung halte ich noch einen zweiten Ansatz für die Einführung eines Lean Thinking für immanent wichtig: Es ist der des gemeinsamen und offenen Lernens. Es unterscheidet sich von dem Lernen, wie wir es aus Schule und Weiterbildungsveranstaltungen mehr als zur Genüge kennen, dadurch, dass die Antworten auf die aufgeworfenen Fragen noch unbekannt sind. Diese Antworten entstehen erst in dem Prozess der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Herausforderung. Auch wenn manche dieses Ringen, diese Suche nach einer geeigneten Lösung eines bestehenden Problems eher als Forschen, Entwickeln oder auch Tüfteln benennen, für mich verbirgt sich dahinter ein Lernen. Und zwar die besondere Form des selbstbestimmten Lernens.

Dieses selbstbestimmte Lernen folgt keinem vorgegebenen Curriculum. Kein Lehrer oder Dozent dominiert den Lernprozess. Und zum Ende bestätigt kein Zertifikat oder Zeugnis den Lernerfolg. Stattdessen folgen wir unserem eigenen Lehrplan, bei dem wir in kurzzyklischen Phasen das erworbene Wissen ausprobieren, anpassen und vielleicht auch wieder verwerfen, wenn es nicht zu dem Ergebnis führte, das wir uns erhofften. Es ist ein Lernen, welches wir mit unserer Geburt beginnen und erst zum Ende unseres Lebens beenden. Und das dennoch ungewohnt ist, da unser Verständnis vom Lernen durch formelle Ausbildungsgänge überlagert wird.

Denken wir Lernen in dieser selbstbestimmten Form, werden sehr effiziente Lernszenarien möglich. Einige davon habe ich im Weiteren für Sie als Beispiele dargestellt.

Das Planspiel ist eine didaktische Methode, bei der ausgewählte Teile der Realität vereinfacht abgebildet werden und die Lernenden aufgefordert sind, für komplexe Aufgabenstellungen in spielerischer Form Lösungen zu finden. Dazu verknüpft das Planspiel die Vorteile des klassischen lehrplanbasierten Lernens mit denen von offenen Lernarrangements. Ersteres gibt den Rahmen für das Spielszenario vor. Das tatsächliche Lernen erfolgt auf der Basis des zweiten Aspekts, da die Lernenden ihre eigenen Lösungen entwickeln. Dazu haben Planspiele niemals nur eine mögliche Lösung. Vielmehr wird die Güte ihrer Lösung anhand bestehender Kriterien bewertet. Defizite stoßen somit einen neuerlichen Lösungs- und Lernprozess an. Ähnlich einem Probehandeln. 

planspiel abbildung

Planspiele entfalten dann ihre volle Wirksamkeit, wenn folgende Aspekte berücksichtigt werden: 

  • Planspiele bilden einen Teil der Wirklichkeit ab.
  • Sie eröffnen innerhalb festgelegter Grenzen (Regeln) Handlungs-räume.
  • Diese Handlungsräume gestatten dem Spieler ein selbstbestimm-tes Agieren.
  • Sie ermöglichen Planen und Handeln, d.h. die Planung wird durch die Handlung überprüft.
  • Planspiele sind anspruchsvoll, herausfordernd, aber zugleich lösbar.
  • Sie verfügen in der Regel über mehrere zum Ziel führende Wege.
  • Sie ermöglichen Wettbewerb, mit- und gegeneinander.
  • Es gibt Sieger und auch Verlierer.
  • Planspiele machen Denkgrenzen sichtbar und regen an diese zu durchbrechen.

Der Dialog als Lernform lässt sich auf Platon zurückführen, der in seinen literarisch gestalteten Werken seinen Lehrer Sokrates auftreten und diesen in Form von fiktiven Dialogen seine Denkweise erläutern lässt. Dafür steht am Anfang immer eine Definition, die den Untersuchungsgegenstand möglichst genau beschreibt. Anschließend wird das Konstrukt aus verschiedenen Positionen betrachtet. Dabei gilt die Annahme, dass die Definition sich dann als wahr erweist, wenn ihre Schlüssigkeit auch unter den unterschiedlichen Blickwinkeln gilt. Treten jedoch Unstimmigkeiten, Abweichungen oder gar Unvereinbarkeiten auf, ist die anfängliche Definition zu hinterfragen und zu korrigieren.

Der Dialog hat neben der philosophischen auch eine didaktische Dimension. Sie knüpft an die Lerntheorie des Konstruktivismus an. Der Dialog setzt dabei an der bestehenden Wissenskonstruktion des Lernenden an und versucht, bestehende Defizite, Ungenauigkeiten oder Widersprüche durch geeignete Fragen (Betrachtung des Konstrukts aus verschiedenen Positionen) aufzudecken. Der Lernende hat so die Möglichkeit, sein Wissenskonstrukt zu festigen oder bei Bedarf anzupassen. 

Häufig wird die Position des Fragenden dabei von einem Lernprozessbegleiter übernommen. Der (formelle) Lehrstoff wird dabei nicht in Form eines Lehrervortrages dargeboten, sondern interaktiv im Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden durch Fragen und Antworten gemeinsam erschlossen. Es ist aber ebenso möglich, dass der Lernende den Dialog in Form einer inneren Auseinandersetzung führt. Das verlangt jedoch von dem Lernenden eine hohe Reflexionsfähigkeit und die Gabe, sich in sehr unterschiedliche Rollen und Denkmodelle hineinzuversetzen.

MakerSpaces sind offene Werkstätten, die die Nutzung ausgewählter Fertigungstechnologien anbieten. Ihr Geschäftsmodell besteht im Bereitstellen der benötigten Maschinen und Materialien, die der Nutzer für eine, in der Regel kurze Zeit mietet, um Arbeiten an seinem Projekt voranzutreiben. Deren Ausführung erfolgt in Verantwortung des Nutzers. Damit gestatten die MakerSpaces die selbständige Anfertigung von individuellen Einzelstücken oder die Nachfertigung von nicht mehr erhältlichen Ersatzteilen.

MakerSpaces sind in der Regel sehr breit ausgestellt und bieten den Zugang zu vielen unterschiedlichen Fertigungsprozessen. Dazu gehören unter anderem das CNC-Fräsen und Drehen, additive Fertigungsverfahren, Laserschneiden, Gravieren und Tiefziehen. Manchmal haben sich aber die MakerSpaces auch auf bestimmte Werkstoffe wie Holz, Kunststoff oder Metall spezialisiert.

bright makerspace with computers, 3d printers, and workbenches.

Das Lego Serious Play (LSP) wurde in den 2000er Jahren entwickelt und folgt dem Ansatz des Konstruktionismus. Der basiert auf dem Konstruktivismus und erweitert ihn um die physische Dimension des Konstruierens, welches, der Name sagt es, mittels Legosteinen erfolgt. Der geistige Vater des Konstruktionismus, Seymour Papert, fasst den Ansatz folgendermaßen zusammen: „Wenn Menschen reale Dinge konstruieren, dann konstruieren sie gleichzeitig Theorien und Kenntnisse in ihrem Denken. Dieses neue Wissen ermöglicht ihnen den Bau weitaus komplexerer realer Dinge, was wiederum zu einem weiteren Wissensgewinn führt usw. Man kann sagen, dieser Vorgang setzt sich in einem selbstverstärkenden Zyklus fort.“ 

Auf dieser Basis setzt das LSP an und ermöglicht den Akteuren, mittels Legosteinen Metaphern zu bauen, die ihre persönlichen Befindlichkeiten, ihre Annahmen und Glaubenssätze verdeutlichen. Damit gelingen tiefere Einsichten in die Denkwelt des Einzelnen. In einem zweiten Schritt werden die Einzelmetaphern vernetzt, mit Verbindungen, die ebenso metaphorischen Charakter haben. Stäbe entsprechen beispielsweise starren, kaum lösbaren Beziehungen, Seile ermöglichen innerhalb bestimmter Grenzen Freiräume und Ketten stehen selbstredend für sich. 

Ist das abzubildende System (ein Team, ein Unternehmen) so konstruiert, wird es möglich, Szenarien durchzuspielen. Was passiert, wenn? Wer ist davon direkt beeinflusst? Wer oder was wird über die Verbindungen mittelbar beeinflusst? Welche Auswirkungen hat die Störung? Wie kann diesen Störungen entgegengewirkt werden?

So eignet sich das Lego Serious Play insbesondere, um Strategien zu hinterfragen, die Zusammenarbeit im Team zu beleuchten und/oder Änderungen zu Verhaltensweisen zu initiieren.

lsp abbildung

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